"Beide Saiten der Bassgeige" – eine musikalische Empfehlung von Sommelier Axel Biesler

BEIDE SAITEN DER BASSGEIGE

 

Im Kaiserstuhl kommt ordentlich was zusammen. Da wären zunächst einmal die hohen Durchschnittstemperaturen. Rund 50 Sommertage mit über 25 Grad Celsius darf man in dieser Gegend schon erwarten. Doch es war auch schon mal heißer hier. Viel heißer. Die Landschaft hat ihr gebirgiges Aussehen vieler Vulkane zu verdanken, die sich nach ihrer endgültigen Erstarrung zu kristallinen Gesteinen geformt haben. Sie sind das Pfund, mit dem heute der Weinbau wuchern kann. Für Fruchtbarkeit sorgen hingegen mithin meterhohe Lößschichten, die während der sogenannten Kaltzeiten die Region mit ihrem erdigen Staub beschneiten. Wie eine Insel erhebt sich der Kaiserstuhl aus dem Oberrheintal, dessen höchste Stelle als „Totenkopf“ 557 Meter in den Himmel ragt. Inkludiert ist da allerdings der gewaltige Sendeturm, der bereits aus der Ferne kaum zu übersehen ist. Im ohnehin schon überdurchschnittlich warmen Oberrheintal liegt der Kaiserstuhl zudem noch im Regenschatten der Vogesen. Die jährliche Niederschlagsmenge bleibt mit rund 600 Millimeter dann auch eher bescheiden.

Vor gar nicht langer Zeit waren das für den Weinbau noch beinahe paradiesische Verhältnisse, doch in Anbetracht einer zunehmenden Klimaverschärfung könnten sich die Verhältnisse in Zukunft gar ins Gegenteil verkehren, wenn sich die Reben an den dunklen Vulkanböden am Ende noch die Füße verbrennen, die bei ihnen Wurzen heißen und falls nötig ziemlich beweglich sind, wenn sie viele Meter tief in die Erde wandern, um an Nährstoffe zu gelangen. Das teilwiese mondlandschaftliche Aussehen hat der Kaiserstuhl übrigens nicht diverser Launen der Natur, sondern dem nach Effizienz strebenden Menschen zu verdanken. Während der Flurbereinigungen in den siebziger Jahren wurden gigantische Mengen Erde verschoben, um aus vormals kleinteiligen und nur mühsam zu bewirtschaftenden Terrassen wirtschaftlich effiziente Weinberge zu modellieren. Das Ökosystem reagierte empfindlich. So führten etwa zerrüttete Lößschichten oder geringe Humusauflagen schnell zu Erosionen. Um das Wasser aufzuhalten, wurden Neuanlagen nun mit einer geringen Neigung zum Hang angelegt, was wiederum zur Folge hatte, dass sich in diesen Mulden die Kaltluft stauen konnte, wodurch es zu Frostschäden kam. Ein Teufelskreislauf, der nur mit ungeheurem Aufwand zu durchbrechen war.  Spätere Flurbereinigungen waren weitsichtiger, weil sie behutsamer erfolgten.

Der Lagenname Baßgeige geht also auf eine Zeit vor der Flurbereinigung zurück, als die Weinberge in Oberbergen diesem Streichinstrument irgendwie ähnlich gesehen haben müssen. Heute darf sich eine gut 280 Hektar große Fläche mit diesem Namen schmücken, deren Untergrund eine Mischung aus Löß und Lehm bildet. Oberhalb von Oberbergen liegt das Gewann „Berg Langeneck“, wo es sich der Grauburgunder der örtlichen Genossen auf bisweilen vulkanisch geprägten Böden gemütlich gemacht hat. Das trifft übrigens auch auf den Wein zu, dem ihre Mitglieder im Jahrgang 2016 eine Sonderabfüllung gönnten. Dabei steht „BL“ bei diesem saftig-cremigen, in seiner Üppigkeit allerdings nicht allzu überladenen Grauburgunder für „Beste Lage“. Und das ganz sicher nicht ohne Grund, wenn die 280 Hektar große Oberbergener Baßgeige an vielen Stellen eine bewegte Geschichte hinter sich hat, die zusammengenommen nicht unbedingt für einen typischen Geschmack im Wein sorgen muss. Am Kaiserstuhl kommt ordentlich was zusammen.                        

 

2016 Oberbergener Baßgeige, »Edition BL«, Grauburgunder Spätlese trocken, Winzergenossenschaft Oberbergen, Oberbergen

 

Badischer Wein Oberbergener Baßgeige