Der 2015 l’ambré von Weingut Claus Schneider – eine schmackhafte Empfehlung von Sommelier Axel Biesler

GAUMENSCHULE 2.0

 

»Vor Genuss gut schütteln«, steht auf dem Rückenetikett zu lesen, und man fragt sich kurz, ob man statt des Weines versehentlich den direkt gepressten Orangensaft erwischt hat. Hat man freilich nicht. Gut geschüttelt, fließt dann also ein ziemlich trüber Rebensaft in unsere Gläser, die sogleich einen hochspannenden Duft entlassen. Dabei verbietet sich die Frage, woraus dieser Wein wohl bestehen könnte fast schon von selbst. Oder andersherum formuliert, stellt er die Frage, ob so etwas wie Rebsortentypizität überhaupt wirklich existiert, wenn es am Ende dabei doch nur darum geht, den Wein in ein sensorisches Korsett zu schnüren. Passt dieses einmal nicht, ist der Wein nicht mehr typisch. Nur, was ist typisch? Und wer hat das zu entscheiden?

Wir dürfen uns glücklich schätzen, in einer Zeit zu leben, in der es schlechten Wein quasi nicht mehr gibt. Gleichzeitig dürfte sein Geschmack in der Breite aber auch noch nie derart uniform gewesen sein wie heutzutage. Auf der anderen Seite erleben wir ein Aufbegehren gegen diese Gleichmacherei im Kelch, wenn sich immer mehr Winzer bei ihrer Arbeit in Verzicht üben: Weniger Technik einsetzen, damit der Wein sich entfalten kann. Sein Wesen kann sich dadurch grundlegend verändern. Ob zum Guten oder Schlechten, liegt am Gaumen seines Zechers. Fest steht jedenfalls, dass diese neue Vielfalt der Weinszene gut zu Gesicht steht, sie spannender macht. Und ihrem Zecher durchaus mal etwas abverlangen darf, wenn ein Wein plötzlich ganz anders schmeckt, als eigentlich zu erwarten war. Nicht mehr typisch ist. Wer länger darüber nachdenkt, wird vielleicht darauf kommen, dass die Sache mit der Typizität auch nichts weiter als ein gesellschaftliches Konstrukt ist, das ab und an zu hinterfragen keine schlechte Sache ist.

Schicken wir also voraus, dass es sich bei dem trüben Schüttelwein vom Anfang dieser Geschichte um einen Weißwein der Sorte Gutedel handelt, die gemeinhin für leichtgewichtige Erfrischungen mit zahmer Säure und sanfter Frucht bekannt ist. Der Schüttelwein nennt sich »l’ambré«, und das ganz zu Recht, denn seine Farbe lässt sich durchaus als Bernstein beschreiben, wenngleich auch ein sehr trübes. Sein Macher, Johannes Schneider, so steht zu vermuten, schert sich bei diesem Trunk nicht sonderlich um Konventionen. Auch bei der Farbe nicht. Und gleich zweimal nicht beim Geschmack.

Mit Stielen auf der Maische spontan vergoren und samt Hefe unfiltriert auf Flaschen gezogen, entstand ein äußerst schmackhaftes Geschöpf, das sich im Glas jeglicher Erwartungshaltung an einen Gutedel gemeiner Art konsequent widersetzt. Sollte Frucht als Aroma überhaupt ein Thema sein, dürften allenfalls sorgsam vergorene Äpfel eine Rolle spielen. Eine Hauptrolle ist weder in der Nase noch am Gaumen vorgesehen, wenn sich dieser pikante Prachtkerl auffällig sprunghaft zeigt. Einmal wird gerade vom Baum gefallenen Früchten Vortritt gewährt, während der nächste Schluck frappant an herzhaftes Hefegebäck erinnert. Klingt kakophonisch, schmeckt aber gut. Dass der 2015 »l’ambré« bei nur 11 Volumenprozent Alkohol dennoch einen enormen Griff am Gaumen entwickelt, hat er der Maischegärung zu verdanken, die ihm Gerbstoffe und Volumen schenkte.

Ja, wer sich auch beim Wein einmal auf etwas einlassen möchte, ist mit dem »l’ambré« bestens bedient. Denn alte Gewohnheiten dann und wann über Bord zu werfen, schärft die Sinne und schult den Verstand. Was ist typisch?

 

2015 »l’ambré«, Badischer Landwein, Weingut Claus Schneider, Weil am Rhein

2015 »l’ambré«, Badischer Landwein, Weingut Claus Schneider, Weil am Rhein