"Im bunten Tohuwabohu" – eine unaufgeräumte Empfehlung von Weinjournalist Axel Biesler

IM BUNTEN TOHUWABOHU

 

Über das kleine Örtchen Dertingen gibt es viel zu erzählen. Keine 900 Seelen beheimatet es heute, sehr viel mehr waren es wohl nie. Meistens weniger. Alt ist es, dieses Dertingen. Das erkennt man schon an der Endung. Ortschaften mit-ingen zum Schluss gehören zu den ältesten des Landes. Erstmals urkundlich erwähnt wird Dertingen im Jahre 839. Auch der Weinbau ist ab dieser Zeit verbrieft, dürfte aber bereits weit vorher betrieben worden sein. Schließlich liegt Würzburg nur einen Steinwurf weit entfernt, dessen Weinbaugeschichte schon rund hundert Jahre vorher aufgeschrieben und dokumentiert wurde. Dem Frankenkaiser Karl der Große sei Dank. Ansonsten hatten die Dertinger ihre liebe Müh mit dem großen Nachbarn, dessen Fürstbischöfe nicht zimperlich waren, wenn es darum ging, ihren Zehnten einzustreichen. Die Dertinger bauten eine Dorfmauer, verteidigten sich tapfer und hielten sich wacker, konnten am Ende aber nie wirklich etwas gegen die fürstliche Übermacht ausrichten. Dass eine berühmte fränkische Weinlage ausgerechnet nach dem Fürstbischof Julius Echter benannt ist, dürfte einigen Dertingern vielleicht heute noch übel aufstoßen. Soll sich der doch einst auf einer Sänfte herbeitragen gelassen haben, um dem Einfall seiner Mannen aus sicherer Entfernung und in bequemer Position in aller Ruhe beizuwohnen. Ihren Wein durften die Dertinger freilich auch nie ganz behalten. Rund 15.000 Liter jährlich mussten sie den Würzburgern abtreten.

Als der Fürstbischof Julius Echter im Jahre 1617 schließlich das Zeitliche segnete, hörten Ausbeutereien und Überfälle endlich auf. Die Dertinger konnten aufatmen. Und mehr trinken. Mehr Wein. Ihren eigenen obendrein. Aus dem Dertinger Mandelberg wird der damals schon gekommen sein, der zu den ältesten Weinbergen Frankens zählen soll. Dabei liegt Dertingen weinbaupolitisch gar nicht in Franken, sondern in Baden. Und weil das allein schon kein Mensch versteht, nennt sich dieser nördlichste Bereich Badens auch noch Tauberfranken. Selbstverständlich ist es den Winzern hier auch gestattet, ihre Weine in Bocksbeutel abzufüllen. Dass Dertingen protestantisch geprägt ist und zum Regierungsbezirk Stuttgart gehört, sind dann nur noch schnöde Randnotizen. In diesem bunten Tohuwabohu lebt Lothar Klüpfel, der vor rund 20 Jahren das Weingut seines Schwiegervaters übernommen hat, das er heute gemeinsam mit seiner Frau Marina leitet.

Die Nachfolgegeneration steht auch schon in den Startlöchern. Die abwechslungsreiche Vergangenheit von Dertingen scheint auf das Portfolio des Weinguts etwas abgefärbt zu haben. Nicht weniger als zehn weiße und sechs rote Rebsorten stehen bei den Klüpfels im Anbau. Darunter auch etwas Merlot, dessen Trauben 2015 superreif wurden, was in unseren Breitengraden zwar immer häufiger, aber eben (noch) nicht zuverlässig vorkommt. Klüpfel jedenfalls dachte sich vielleicht, dass man solch konzentrierten Rebensaft ruhig mal etwas mehr neues und getoastetes Holz zumuten könnte. Was man dem Wein durchaus auch anmerkt, wenn sein Duft an Rauch, Speck und ätherischem Gewürz erinnert. Nein, Klüpfel hatte sicher nicht vor, einen eleganten Wein auf die Flasche zu bringen. Kraft, Konzentration und Wucht dürften schon eher seine Ziele gewesen sein. Die hat er locker erreicht. Wenn man diesem properen Schmankerl nun noch ein Entrecôte als Begleitung zur Seite stellt, kommt man zwar weder der fränkischen noch der badischen Küche wirklich näher, hat dafür aber eine schmackhafte Kombination im Glas und auf dem Teller. Freilich wächst Klüpfels Merlot im Dertinger Mandelberg. Zur bunten Geschichte von Dertingen passt das gut.

 

2015 Dertinger Mandelberg, Merlot »R« trocken, Weingut Oesterlein, Wertheim-Dertingen

 

Badischer Wein Tohuwabohu