Der 2015er Bischöffinger Enselberg »Réserve« Spätburgunder trocken von der WG Bischoffingen-Endingen – eine besondere Weinbesprechung von Axel Biesler

Mit der Reserve ist das ja so eine Sache. Man kann sich beispielsweise aus selbiger locken lassen oder gar auf sie zurückgreifen. Jedermann und jeder Frau ist klar, was gemeint ist. Nicht so beim Wein. Da geht’s bei der Reserve zu wie auf einem etymologischen Basar. Ein Babylon aus Bezeichnungen und Bedeutungen. In Spanien etwa, wo die Reserve »Reserva« heißt, muss der Wein mindestens drei Jahre in Fass und Flasche gereift sein, bevor er auf den Markt gebracht werden darf. Das alles ist gesetzlich geregelt und manchmal derart verkompliziert und überreguliert, dass selbst ein Fachmann seine liebe Mühe mit solch einer Bezeichnungswut hat.

Den Vogel schießt dabei übrigens Italien ab, wo sich die gesetzlichen Anforderungen an eine »Riserva« sogar von Region zu Region eklatant unterscheiden können. Ob das der Güte der Weine zugutekommt? Die diplomatische Antwort lautet: Bedingt. Denn Alkoholgehalt und Lagerung allein sagen noch nicht viel über die Qualität eines Weines aus. Da gehört schon mehr dazu. Zuweilen findet sich der Zusatz »Reserve« auch auf den Etiketten von Weinen deutscher Provenienzen. Mal mit und mal ohne accent aigu. Steckte ein Gesetzeshüter dahinter, ginge so etwas freilich gar nicht. Ergo können es die Winzer hierzulande mit der »Reserve« halten wie die Dachdecker. Naja, so ganz nun wieder auch nicht.

Wenngleich die Bezeichnung in Deutschland an keine gesetzlichen Anforderungen gebunden ist, gibt es das Gemeinverständnis in der Winzerschaft doch her, einen Wein erst dann mit dem Begriff »Reserve« zu ehren, wenn sein Erzeuger mit seinem Produkt mehr als nur zufrieden ist. Um jene Güte seinem potentiellen Kunden klipp und klar zu machen, greift er auf den international gebräuchlichen Begriff »Reserve« zurück. Tatsächlich lagerte so ein Wein dann meist überdurchschnittlich lang in kleinen oder großen, meist aus französischem Eichenholz gefertigten, Fässern, von denen der Winzer nur diejenigen auswählte, in denen er den besten Wein vermutete. So zumindest die hehre Theorie. Die Praxis kann auch schon mal etwas laxer ausfallen. Gelackmeiert und völlig verwirrt ist mal wieder der gemeine Zecher, der spätestens dann ins Grübeln kommt, wenn er etwa eine spanische »Bild entfernt.Reserva« für unter fünf Euro im Discounter seines Vertrauens entdeckt. Schnapper oder Kundentäuschung? Am Ende ist der beste Reserve-Authentizitäts-Indikator womöglich der Preis eines Weines.

Die Billig-Reserva aus Spanien mag ihre gesetzliche Haft in irgendwelchen Fässern abgesessen haben, wie es um sie bestellt ist, interessiert danach zunächst einmal niemanden. Da mutiert dann der gemeine Zecher noch zum Bewährungshelfer. Wenn wir uns beim Begriff »Reserve« auf einen Wein überdurchschnittlicher Güte einigen, kann der nicht zum Schleuderpreis losgeschlagen werden. Arbeits- und Zeitaufwand waren einfach zu groß. Die Genossen aus Bischoffingen rufen rund 15 Euro für ihren Reserve-Spätburgunder aus dem Bischoffinger Enselberg auf. Das ist gewiss nicht billig, bewegt sich aber immer noch unter dem Niveau, das bei einem Wein dieser Kategorie eigentlich üblich sein sollte.

Wie auch immer. Der Ertrag für diesen feinsaftigen Roten wurde bereits im Weinberg nach unten reguliert, indem die noch unreifen Trauben am Stock halbiert wurden. Das erhöht im besten Fall die Konzentration im Beerensaft und ergibt einen komplexeren Wein. 60 Hektoliter auf einem Hektar ist das Maximum, das die Genossen für diesen Wein ernten. Das ist jetzt zwar nicht besonders wenig, bewegt sich aber immer noch weiter unter dem durchschnittlichen Ertrag, der je nach Jahrgang 20 oder 30 Hektoliter höher ausfällt. Von Haftzeit braucht man bei ihm auch nicht zu sprechen. Denn bevor er auf die Flasche kam, durfte der Spätburgunder gute neun Monate in bequemen Barrique-Fässern verbringen. Die Reifezeit tat ihm gut. Er ist darin erwachsen geworden. Einen Bewährungshelfer braucht er nicht. Nur einen Zecher mit Verstand.                          

Badischer Wein Reserve Axel Biesler