Der 2016 »1782« Durbacher Klingelberger, Riesling trocken vom Weingut Schwörer – eine "gemütliche" Weinbesprechung von Sommelier Axel Biesler

PROJEKT KLINGELBERG

 

»1782« heißt es auf der güldenen Neck-Banderole. Und darüber: »Baden«. Mit der Zahl ist weniger das Alter des Weines als sein Ursprung gemeint. In jenem Jahr nämlich ließ ein gewisser Markgraf Carl Friedrich von Baden einen Weinberg bei Durbach in der mittleren Ortenau mit der Sorte Riesling bepflanzen. Und zwar ausschließlich. Was heute selbstverständlich klingt, war damals revolutionär. Üblicherweise wurden in einem Wingert damals zig verschiedene Varietäten angebaut. Weiße und rote. Frühreifende und spätreifende. Eine Methode, die dem Weinbauern auch in schlechten Jahren wenigstens einen kleinen Ertrag sicherte. Riesling benötigt bestenfalls einen warmen und goldenen Herbst, um zu voller Reife zu gelangen. Solche Jahrgänge waren vor rund 240 Jahren eher die Ausnahme als die Regel.

Wenn der Sorte heute eine pikante Säure als individuelles Geschmackssiegel dient, ließen sich die Weine von einst viel öfter mit ätzenden Lösungen vergleichen. Durchaus waghalsig also, in dieser Zeit nicht nur auf eine Sorte zu setzen, sondern es zudem mit Riesling zu versuchen. Immerhin war der Standort klug gewählt. Die nach Süden ausgerichtete, sich auf rund 400 Meter Höhe emporschwingende Steillage aus Granitverwitterungsböden erhöhte die Chancen auf reife Trauben und trinkbare Weine enorm. Das Experiment gelang. Es wurde sogar zu einem derart großen Erfolg, dass man den Riesling aus dieser Gegend nach seinem Weinberg benannte: Der »Klingelberger« war geboren. Heute geht dieses Synonym weit über seine ursprüngliche Herkunft in Durbach hinaus. Rieslinge aus ganz Baden könnten sich theoretisch Klingelberger nennen. Was jedoch praktisch nicht vorkommt und dem Klingelberger so sein Alleinstellungsmerkmal bewahrt.

Da der ursprüngliche Klingelberg mit nur rund zweieinhalb Hektar von recht bescheidener Größe ist, wird er auch auf Weinlagen umliegender Gemeinden kultiviert. Die Ansprüche an Böden, Steilheit und Ausrichtung sind bei den Nachbardörfern jedoch ebenso hoch, die Bedingungen vergleichbar. Weil Riesling aus reifen Trauben im späten 18. Jahrhundert ein seltenes Gut war, machten sich die Klingelberger aus den wärmespendenden Steillagen rasch einen Namen. Der klingt bis heute gut. Wenngleich es seitdem merklich wärmer geworden ist, die hitzigen Steillagen der Ortenau nicht zwangsläufig auch immer die besseren Weine ergeben. Da kann es dem Klingelberger in manchen Jahren bisweilen sogar zu heiß werden, was auf Kosten der Säure gehen kann, von der früher sooft mehr als reichlich vorhanden war.

Die Zeiten ändern sich. So auch der Klingelberger. Darüber dürften sich auch die zwölf Ortenauer Winzer im Klaren sein, die vor ein paar Jahren das Projekt »Klingelberger 1782« ins Leben gerufen haben. Um den Geschmack des Klingelbergers möglichst unverfälscht im Wein abzubilden, einigte man sich auf gemeinsame Kriterien. Granitböden sind dabei ebenso obligatorisch wie Handlese oder der Verzicht auf Anreicherung mit Saccharose. Um dem Terroir-Geschmack auch bei der Vergärung nicht zu verfälschen, wurde eine Wildhefe aus dem Klingelberg selektioniert, die neben der Spontangärung zum Einsatz kommen darf. Alles in allem also ein recht frugaler Ansatz. Wie ein Klingelberger vor 200 Jahren geschmeckt hat, wird man dadurch zwar nicht erfahren, dem Geschmack des Weinbergs aber sicherlich etwas näherkommen.

Der zeigt sich beim 2016er vom Weingut Schwörer in Sachen Gelbfrucht und Schmelz in Geberlaune und eher mildgestimmt bei der Säure. Was weniger ein Manko als Geschmackssache ist. Es ist sicherlich nicht ganz falsch, den Charakter dieses Klingelbergers mit Attributen wie großzügig, stoffig, zuweilen auch gemütlich zu beschreiben. So darf man den Klingelberger von heute vielleicht als den gutmütigsten aller Rieslinge beschreiben. Warum auch nicht, wenn man die bisweilen strengeren Exemplare weiter rheinaufwärts einmal satthaben sollte oder sich ganz einfach an ihren Unterschieden erfreut.

 

2016 »1782« Durbacher Klingelberger, Riesling trocken, Weingut Schwörer, Durbach

PROJEKT KLINGELBERG – Weinbesprechung von Axel Biesler