Luftiges Schmankerl – eine süße Weinbesprechung von Axel Biesler

Auf über 1200 Meter schraubt sich der Kandel im mittleren Schwarzwald in den Himmel. Damit ist die sogenannte Waldgrenze zwar noch nicht erreicht, für einen erträglichen Weinbau ist die Luft da oben aber schon zu dünn – und zu kühl. Dennoch hat die Kultivierung von Weinreben in den luftigen Höhen des Glottertals eine lange Tradition. Mitte des 19. Jahrhunderts baute quasi jeder Bauer seinen eigenen Wein an. Bis auf 720 Meter kletterte die Rebengrenze damals, was für den Weinbau eine bemerkenswerte Höhe darstellt. Ein generell warmes Klima sowie nach Süden ausgerichtete Steillagen mit steinigem Untergrund waren und sind die Garanten für beachtliche Weine, die sich schnell einen Namen machen sollten. Auch über das Glottertal hinaus. Erst das Auftreten neuer Pilzkrankheiten und schließlich die Reblauskatastrophe brachten den Weinbau Anfang des 20. Jahrhunderts beinahe zum Erliegen.

Wenngleich sich die Weinbergfläche mit weniger als 100 Hektar heute recht bescheiden ausnimmt, hat das kleine Glottertal immer noch einige Superlativen in petto. Spricht man bei einer Hangneigung von 30 Prozent allgemein von einer Steillage, werden die Glottertäler Winzer darüber nur müde lächeln können. Manche ihrer Wingerte türmen sich mit 250 Prozent Steigung wie unüberwindbare Wände auf. Wer die Glottertäler Weingipfel auf bis zu 500 Höhenmetern einmal erklimmen will, sei festes Schuhwerk, Steigeisen und Seilwinde ans Herz gelegt. An eine maschinelle Bearbeitung dieser Extremlagen ist jedenfalls nicht zu denken. Sie gehören zu den steilsten und höchsten in Deutschland, was einigermaßen erstaunlich ist, bringt man hierzulande doch gemeinhin die Mosel und nicht Baden mit solch eindrucksvollen wie gleichermaßen auch entbehrungsreichen Weinkulturdenkmälern in Verbindung.

Mehr als vergleichbare Hangneigungen haben Glottertal und Mosel am Ende aber nicht gemein. Wo es dort der gleichnamige Fluss ist, der das Gebiet maßgeblich prägt, ist es im Glottertal der Schwarzwald. Süße Riesling-Spezialitäten finden sich hier selten. Im Glottertal ist der Spätburgunder König. Wenn es der Jahrgang zulässt, kann man aber auch aus ihm durchaus einmal eine süße Spezialität bereiten. Der außergewöhnlich warme Jahrgang 2015 eignete sich dafür ganz ausgezeichnet. Die Gelegenheit beim Schopf ergreifen, dachten sich da wohl auch die Glottertäler Genossen, als sie aus superreifen Spätburgundertrauben eine süße Auslese kelterten. Die ist ebenso cremig wie süffig geraten und empfiehlt sich so gleichermaßen zu würzigen Rotschmierkäsen wie zu Desserts mit herb-süßen Früchten. Wer mag, kann freilich auf eine Speise als Begleitung auch gleich ganz verzichten. Das kupferfarbene Schmankerl wird es seinem Zecher nicht übel nehmen, denn es ist für sich allein genommen ja schon eine süße Speise – zum Trinken.

Dass es sich bei dieser Auslese um einen sogenannten Spätburgunder Weißherbst handelt, passt übrigens bestens zur Geschichte der Glottertäler Genossen, die sich mit dieser Weinart bereits kurz nach ihrer Gründung Mitte des 20. Jahrhundert einen Namen gemacht haben. Ob trocken oder nicht zählt der Weißherbst heute zur Spezialität der Region. Dass es ausgerechnet der Spätburgunder ist, den die Genossen im Schwarzwald anbauen, geht auf die Legende vom »Roten Bur« zurück. Es soll nämlich der Bauer August Ganter vom Rotburenhof gewesen sein, der sich schon 1820 am Anbau mit der roten Rebsorte versuchte und von allen »Roter Bur« genannt wurde. Da nimmt es dann auch nicht wunder, dass die Winzergenossenschaft Glottertal seit Kurzem unter seinem Namen firmiert. Zeitgemäße Folklore könnte man das nennen. Oder ganz einfach einen guten Zug. Was vielleicht sogar noch besser passt, wenn es beim Wein doch immer auch um Trinkfreude gehen soll.   

 

2015 Glottertäler Eichberg Spätburgunder Weißherbst Auslese, »Roter Bur« Glottertäler Winzer eG, Glottertal

Roter Bur Wein der Woche